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Vielen Dank, Stefan, fuer deine Geschichte!

Die Zeitmaschine
Autor, Stefan von Deutschland

 

Ich treffe ja schon einige Menschen, die mir kuriose Geschichten erzählen.

Doch die Geschichte, die ich letzte Woche von einer jungen Frau gehört hatte, sprengte einfach meine Vorstellungskraft.

Sie handelt von einer Zeitreise, von Berlin, den verzweifelten Versuch, den Lauf der Geschichte zu ändern und natürlich von langen und kurzen Haaren...

 

Ich saß in einem Café in der Innenstadt. Es war nostalgisch, gemütlich und das Ambiente passte.

Da kam eine junge Frau auf mich zu. Irgendwie schien sie mich zu kennen oder sie spürte einfach, daß ich zuhören konnte. Ich kannte sie übrigens überhaupt nicht.

Sie war eine hübsche Person. Vielleicht so 1,60m groß, zierlich und ein fein geschnittenes, nicht altägliches Gesicht mit exotischem Einschlag:

mit afrikanischem Mund mit vollen Lippen, geheimnisvollen asiatischen Augen mit langen Wimpern und einer süßen europäischen geraden, schmalen Stupsnase.

Sie hatte ihre Haare fast bis auf die Kopfhaut kurzgeschoren.

Durch die dunklen Stoppeln dachte ich an eine traumhaften langen schwarzen Mähne, wenn sie sie nur wachsen ließe.

"Entschuldigung, aber ich muss einfach jemanden erzählen, was passiert ist. Es ist einfach unglaublich. " begann sie.

Ich hinderte sie nicht daran sondern nickte zustimmend.

Während sie erzählte, fuchtelte sie nervös mit ihren Händen, um ihre Worte zu untermalen...

 

(Aus ihrer Erzählung)

 

"Ich weiß nicht, warum das passiert ist, aber für mich war das alles surreal. Als ich vor zwei Wochen Morgens aufwachte, war etwas anders. Ich konnte noch nicht sehen, was, doch ich spürte es. Ich wollte ins Bad, um mir mit kaltem Wasser im Gesicht den Schlaf zu vertreiben. Damit wollte ich mir Klarheit verschaffen. Ich öffnete die Tür, ging hinein und schaute in den Spiegel. Ich hatte damals kurze Haare, wie jetzt auch. Naja, ich hab sie mir immer mit einer Haarschneidemaschine kurz geschoren. Ich mag es auch so. Ich dachte mir, -Es ist wieder Zeit- , nahm die Maschine und begann den Kopf kahl zu scheren, wie ich das einmal die Woche zu tun pflegte.

Beim Einschalten passierte es:

Ich sauste in nicht definierbarer Geschwindigkeit durch einen diffusen Tunnel und plötzlich befand ich mich an einem mir unbekannten Ort.

Ich fand mich wieder in Klamotten wie aus Uromas Zeiten, meine Haare waren unerträglich lang bis zur Brust. Kurz gesagt: ich sah aus wie eine Vogelscheuche!

Ich stand im Freien, ohne zu wissen, wo ich war und schaute mich um.

Zwei vertraute Gebäude machte ich aus: Den "Reichstag" und das "Brandenburger Tor". Ich war immer noch in Berlin, aber alles war nicht so, wie ich es kannte.

Alle Menschen waren so komisch gekleidet wie ich und die Gebäude sahen so alt aus.

Ich überlegte:

Ich war in Berlin, daß war mir klar. Aber alles schien wie aus einer anderen Zeit.

Die Frage musste nicht lauten, WO ich war, sondern WANN.

"Extrablatt. Mord in Sarajewo! Erzherzog Franz Ferdinant von Österreich-Este bei einem Attentat ums Leben gekommen." rief ein Junge, vielleicht gerade 12 Jahre alt und hatte ein Stapel Zeitungen mit komischer Schrift in der Hand (Fraktur Schrift, damals übliche Druckschrift in Deutschland ,zwar dem latainischen ähnlich, dennoch für das ungeübte Auge schwer zu lesen).

-Franz wer?- dachte ich. Mein Geschichtsverständnis war nicht besonders groß.

Ich ging zu dem Jungen und wollte mir eine Zeitung kaufen, in der Hoffnung, daß ich diese komische Schrift entziffern konnte.

"Was ist das denn für Geld? Spielgeld oder wie?" lehnte er die Euromünzen ab, die ich ihn anbot.

Das der Euro hier nicht gültig war, fiel mir dann auch ein. Der Transfer von Geld schien bei meiner Zeitreise wohl nicht funktioniert zu haben.

Ich musste auf die Zeitung verzichten.

"Welchen Tag haben wir heute?" fragte ich ihn.

"Na den 29. Juni!" antwortete er kurz.

"Ähm, welches Jahr?" wollte ich weiter wissen.

"1914! Das haben wir schon ein halbes Jahr! Haben Sie so lange geschlafen?"

antwortete er mit einer Gegenfrage.

"Nein. Sorry. Bin ein bisschen durcheinander." entschuldigte ich mich und er schaute mich weiter verwundert an.

"Sorry?" Anscheinend kannte er das Wort nicht.

"Entschuldigung." übersetzte ich und ging weiter.

Die Frage, WANN ich bin, war also auch beantwortet.

Ich kratzte in meinem Gehirn zusammen, was ich konnte, um über das Jahr 1914 nachzudenken. Was war dort passiert? Was erwartete mich?

Plötzlich fiel es mir ein. Ein Krieg. Dieser "Franz" aus Österreich, der durch ein paar Serben gekillt wurde und dann begann das Unheil...

Da ich wusste, was die anderen nicht wussten, daß das nämlich in die Hose ging, musste ich doch was tun können und jemanden warnen.

Um keine Umwege zu machen, wollte ich gleich zum großen Chef vom Ganzen. Damals hatten wir ja schließlich noch einen Kaiser.

Die Lösung war doch einfach: Diesen Kaiser sagen, daß Krieg doof ist, weil er zu nichts führt, das müsste doch genügen.

Aber wo ist der Kaiser um diese Zeit?

Ich wollte mich durchfragen. "Wo ist der Kaiser?"

Das Gelächter kann sich glaub ich jeder vorstellen. Doch ein Kutscher rief von seinem Bock, daß er in diese Richtung fahre.

Ich war noch nie mit einer Kutsche gefahren. Ich freute mich auf das Abenteuer und stieg ein.

"Warum wollen Sie denn da hin?" wollte der Mann wissen.

"Ich muss ihm etwas wichtiges sagen." antwortete ich.

"Sie werden bestimmt nicht  zu ihm vorgelassen." erwiderte er.

Nach einer Weile waren wir zu einem Schloss gekommen. Ich stieg aus der Kutsche, deren Fahrt ich genossen hatte und rannte zum Eingangstor, wo einige Wachen standen.

"Halt junges Fräulein. Wo wollen Sie hin?" wurde ich angehalten.

"Ich muss zum Kaiser!" sagte ich kurz und wollte schon weitergehen.

"So geht das nicht!" Die Wache hielt mich fest und zog mich in einen Raum, wo ich verhört wurde.

Mir ging das auf die Nerven und ich wühlte mit meinen Händen in die Haare, die ich am liebsten wieder los wäre.

"Sind Sie eine französische Spionin?!" wurde ich angefahren. Aber ich war keine Spionin und auch keine Terroristin.

"Haben Sie Papiere dabei?"

Ich fand meinen Personalausweis in der fürchterlichen altmodischen Handtasche, die ich bei mir trug und da stand mein Geburtsdatum drauf:

"12. März 1990" < faktisch wurde ich also erst in 76 Jahren geboren.

"Zu viel Jules Verne gelesen wie?" fauchte der Polizist mich an.

"Wer ist das???" Ich hatte keine Ahnung, wen er meinte.

"Dumm stellen, was? Sie sind mir ein feines Früchtchen!"

"Ich muss das erst nachgoogeln. Im Internet." dachte ich laut, weil ich überhaupt nicht verstand, was er meinte.

"Na sind Sie denn aus der Irrenanstalt?" fragte er beleidigend und unhöflich.

"Ich hab vergessen, daß es so was hier nicht gibt. Sorry." entschuldigte ich mich.

Da sich einige der Haare aus dem Knoten gelöst hatten, löste ich sie und band sie neu hoch. Die Haare zusammenzubinden und zusammenzuknoten, war wohl damals Mode. Wie umständlich! Ich fluchte.

"Lassen Sie ihre Haare! Beantworten Sie meine Fragen!"  wurde der Polizist jetzt ungemütlich.

"Ich muss zum Kaiser!" forderte ich trotzig.

"Nein!!!" schrie er mich an und haute dabei mit der Hand auf den Tisch.

Es war aussichtlos, aber der Zufall kam mir zur Hilfe.

Der Kaiser kam in diesem Moment aus seiner Höhle, wahrscheinlich um große Politik zu machen. Als ich ihn draußen mit so einem komischen Hut stehen sah, unverwechselbar mit diesem Zwirbelbart, das wußte ich ja schließlich noch, rannte ich los. Ich war schnell. Zu schnell für den Polizisten. Er befürchtete wohl, ich würde den Monarchen umbringen wollen. Waren ja schließlich gefährliche Zeiten.

Aber das wollte ich nicht. Ich rannte, so schnell ich konnte, bis ich vor ihm stand.

"Ich weiß nicht, wie ich Sie anreden soll, ich glaube Majestät oder so, aber hören Sie mich an! Der Krieg! Es darf keinen Krieg geben! Das kostet Millionen Tote! Ich bitte Sie! Keinen Krieg!" rief ich, bevor mich ein Polizist fassen konnte.

Der Monarch schaute mich an drehte sich dann aber um zu einer heranfahrenden Kutsche und stieg dort ein. Vielleicht wollte er sich mit wichtigen Leuten treffen in Berlin.

Wie auch immer, ich hoffte, daß er mich verstanden hatte.

Zwei Polizisten zogen mich wieder in diesen Raum, wo der andere schon wartete, der mich verhört hatte.

"Sperrt sie erst mal ein!" befahl er den anderen.

Ich wurde in ein Raum geführt und hinter mir die Tür verschlossen.

Da stand ich nun. Ich hatte Hunger und diese fürchterlichen Klamotten und diese langen Haare ließen mich wie eine Vogelscheuche aussehen!

Plötzlich flog ich wieder durch diesen Tunnel und da war ich wieder im freien.

Jetzt kam mir wieder alles vertraut vor. Die Autos, die Straßen, moderne Gebäude und die Menschen. Ich war anscheinend in Potsdam.

Ich selbst hatte nur Unterwäsche an, so wie ich in die Vergangenheit gereist war. Das war draußen natürlich ein Problem, aber viel schlimmer war folgendes: bei der Zeitreise waren die Haare lang geblieben, so wie 1914, brustlang und zusammengebunden. Ich muss auf die anderen komisch gewirkt haben. Ein Mann kam und legte mir seine Jacke um. Naja, schließlich war ich ja halbnackt.

"Wer sind Sie und wo kommen Sie her?" wollte er wissen.

Ich erklärte ihm nicht die soeben erlebte Geschichte, sondern nannte ihm meinen Namen und meine Adresse.

Er war wirklich nett und brachte mich nach Hause.

Dort angekommen, kleidete ich mich erst einmal an und las im Internet über die Zeit nach, wo ich soeben gewesen war. Da stand immer noch, daß der Krieg stattgefunden hatte. Meine Aktion hatte also leider nichts genützt.

Ich dachte darüber nach, wie die Welt heute aussehen würde, wenn der Krieg nicht stattgefunden hätte.

Müssten Frauen dann immer noch in Omas Klamotten herumlaufen, umständliche lange Haarfrisuren tragen?

Hätten Frauen heute ein Wahlrecht?

Ich schüttelte den Kopf. Vielleicht war es ganz gut so.

 

Im Bad betrachtete ich mich im Spiegel. Im Gesicht sah ich aus wie immer. Mein Tattoo auf dem linken Oberarm war auch noch da.

Nur die Haare! Diese verfluchten Haare waren durch die Zeitreise gekommen.

Das wollte ich jetzt ändern.

Ich nahm die Haarschneidemaschine aus dem Regal und wollte sie gerade einschalten. Da fiel mir ein, was beim letzten mal passiert war.

-Was solls! Ab dafür- dachte ich und schaltete die Maschine dann doch ein. Es passierte nichts , außer, daß ich in wenigen Minuten diese brustlangen Haare vom Kopf schor. Nur ein paar Stoppeln blieben übrig.

-Viel besser!- dachte ich und fühlte zufrieden mit der Hand auf meinem kahlgeschorenen Kopf.

"

 

Sie hatte sich, während sie mir das erzählte, mehrere Kaffee bestellt. Das machte sie noch nervöser. Doch ich spürte, daß es ihr gut tat, mir die Geschichte erzählen zu können ohne sie, was andere wohl schon bei den ersten Worten getan hätten, gleich für Verrückt zu erklären.

"Du solltest die Geschichte aufschreiben." riet ich ihr.

Sie schien erstaunt über mein Kommentar, doch es war zu interessant, als das sie ungehört bleiben sollte...

 

 

 

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